Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!

T. Bochdansky
M. Musalek

Epikur (341–270 v. d. Z.)

„Wenn wir nun also sagen, dass Freude unser Lebensziel ist, so meinen wir nicht die Freuden der Prasser, denen es ums Genießen schlechthin zu tun ist. Das meinen die Unwissenden oder Leute, die unsere Lehre nicht verstehen oder sie böswillig missverstehen. Für uns bedeutet Freude: keine Schmerzen haben im körperlichen Bereich und im seelischen Bereich keine Unruhe spüren.“

„Wir müssen also die Freuden sorgfältig auswählen, müssen ihren Wert zu unterscheiden wissen und unter ihnen die herausfinden, die unserer persönlichen Eigenart am angemessensten und dienlichsten sind. Mitunter müssen wir erst durch Schmerzen tapfer hindurchschreiten, wenn hinter diesen Schmerzen größere und wertvollere Freuden winken.“

„… es nicht möglich ist, lustvoll zu leben, ohne einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ebenso wenig, einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ohne lustvoll zu leben.“

 

Eines der wichtigsten Ziele der Rehabilitation ist die Optimierung der Lebensfreude im Sinne von Epikur, also der Lebensqualität („Quality of live“).  Wir beschreiben Methoden, mit denen wir diese Ziele erreichen können und versuchen Lebensqualität zu definieren, zu messen und zu vergleichen. Das Lebensglück schlechthin gibt es nicht. Was die einen erfreut, macht die andere möglicherweise unglücklich, was für die einen genussvoll ist, bereitet anderen womöglich Verdruss, Lebensglück ist also individuell zu bewerten. Tatsache ist jedenfalls, dass wir Freude und Genuss im Alltag brauchen und damit individuell umgehen müssen.
Wie aber gehen wir mit Freude und Genuss um, wenn es schon keine allgemeingültige Definition gibt und daher auch kein allgemeingültiges Dosierschema geben kann und bestenfalls ein individueller Zugang möglich ist?
Die beiden Maximalvarianten kennen wir aus verschiedenen Lebensgeschichten: zum einem maximaler, uneingeschränkter Hedonismus mit laufender Verschiebung der Reizschwelle und zum anderen maximale, umfassende Askese und Kasteiung, ebenfalls mit physiologischen Veränderungen verbunden.
Und wie leben wir dazwischen? Wie gehen wir einerseits mit dem Suchtpotential des Genusses um und andererseits mit einem lebensfeindlichen Dasein ohne Freude? Depression wird oft begleitet mit einem Verlust der Genussfähigkeit, also auch mit einem Verlust an Freude und somit auch an Lebensfreude. Oft führt dies auch zu Antriebsverlust und Verminderung der Leistungsfähigkeit. In der Rehabilitation soll die Leistungsfähigkeit auf allen Ebenen verbessert werden, daher muss auch die Genussfähigkeit in den Rehabilitationsplan mit einbezogen werden.
Genussfähigkeit bedeutet also, mit senorischen und sensiblen Reizen adäquat umzugehen. Und dieses Prinzip – adäquate Antworten auf Reize zu finden – ist eines der Prinzipien jeder Form von Rehabilitation, d.h. ein wesentliches Ziel der Rehabilitation ist eine Optimierung der Genussfähigkeit und somit der Lebensfreude.

Wenn wir nicht nur in der Rehabilitation, sondern insgesamt in der Medizin mit einem „Bio – Psycho – Sozio – Kulturellem“ Modell erfolgreich sein wollen, dann müssen wir uns daher mit dieser Thematik beschäftigen und Konzepte für den freud- und genussvollen Alltag finden – also Freude als ein Rehabilitationsziel und somit auch als Lebensziel festlegen. Denn nur dann kann es uns gelingen, unsere Maßnahmen individuell, nachhaltig und somit erfolgreich zu gestalten. Wir: das sind das gesamte jeweilige Therapie- bzw. Rehabilitationsteam bestehend aus allen Professionen, den Angehörigen, den Versicherungen, der  Gesellschaft und – last but not least – selbstverständlich den Personen, die sich uns anvertrauen – den Patientinnen und Patienten.

Prim. Univ.-Doz. Dr. Thomas Bochdansky
Chief Medical Director, Vamed AG

Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek
Vorstand der Abteilung I
Institutsvorstand und ärztlicher Leiter
Anton Proksch Institut, Wien